
Die grosse Krippe der Casa Sant’Antonio
Auch dieses Jahr lud Pro Friuli zu einem besinnlichen Weihnachtsanlass vor der grossen Krippe in der Casa Sant’Antonio in St. Gallen ein.

Roland Inauen und seine aufmerksame Zuhörerschaft
Alt Landammann Roland Inauen, studierter Ethnologe, langjähriger Leiter des Museums Appenzell und des Innerrhoder Kulturamtes gab den interessierten Zuhörern eine aufschlussreiche Einführung in die Geschichte des Weihnachtfestes und die damit vor allem in Innerrhoden verbundenen Bräuche und Symbole.
Prestige und Verankerung des Weihnachtsfestes in allen Schichten und allen Regionen des Abendlandes verdanken sich der genialen Idee der Kirche, die alten heidnischen, in der Bevölkerung tief verankerten Feste der Wintersonnwende mit dem christlichen Fest der Geburt Christi zu besetzen, das seit dem 4. Jahrhundert am 25. Dezember mit einem zunehmenden Reichtum an Gebräuchen und Riten der Volksfrömmigkeit gefeiert wird. Heute als typisch weihnächtlich erscheinende Bräuche sind allerdings meist jüngeren Datums: Adventskranz und Christbaum sind wenige hundert Jahre alt, der Adventskalender gar erst im 20. Jahrhundert entstanden. Während das in dieser Zeit allgegenwärtige Kerzenlicht die Dunkelheit vertreiben soll, werden – wie heute noch in Innerrhoden – dunkle Mächte durch Rauch vertrieben. Häuser, Ställe und auch Werkstätten werden in Weihrauch eingehüllt. Weihnacht ist auch das Fest der Familie, an dem man sich zu Hause um den Tisch versammelt und das gemeinsame Essen zelebriert. In Innerrhoden zeugen viele Weihnachtsgebäcke, wie das Chlausebickli, das Chlausezüg, das Philebrod oder die Taflevögel von diesem wichtigen Aspekt des Weihnachtsfestes. Roland Inauen stellte sich natürlich auch die Frage, wie die emigrati italiani in Appenzell Weihnachten feierten; denn letzten Endes musste ja an diesem Schweizer und Italiener verbindenden Anlass auch eine Brücke von den Innerrhoder Weihnachtsbräuchen zu den italienischen Weihnachtsbräuchen geschlagen werden. Die Antwort von Roland Inauen fiel ebenso überraschend wie einleuchtend aus: «Gar nicht!», denn die italienischen Gastarbeiter, wie man sie nannte, gingen selbstverständlich auf Weihnacht hin nach Hause und feierten das Weihnachtsfest und das Fest der Erscheinung des Herrn, die Epiphanie, die Befana, in ihren Familien im Friaul, in Apulien oder auf Sizilien.

Professor Roland Ferrarese trägt Gedichte von Gianni Rodari vor
Nach diesem mit grossem Applaus verdankten Referat folgte ein Imbiss mit frisch gebratenen Marroni, Panettone und Appenzeller Chäsflade, worauf Prof. Rolando Ferrarese mit gekonnt vorgetragenen weihnachtlichen Versen des bekannten italienischen Autors Gianni Rodari eine besondere Note setzte.
Nach einem gemeinsam gesungenen «Tu scendi dalle stelle» konnte dann niemand mehr behaupten, sie oder er sei noch nicht in weihnachtlicher Stimmung… – Der Vereinspräsident dankte Roland Inauen und Rolando Ferrarese für ihre Beiträge und Peter Oberholzer für die Gastfreundschaft vor dem einmaligen Hintergrund der Krippe. Gerne spendeten die über 40 anwesenden Mitglieder für einen von Oberholzer erläuterten Fall einer mittellosen italienischen Familie im Veneto. Die dank privater Initiative gerettete Krippe an der Heimatstrasse entwickelt sich so immer um die Weihnachtszeit nicht nur zu einem Ort staunender Kinderaugen, sondern vielmehr zu einem für Erwachsene schönen Ort des Innehaltens und der Solidarität.

«Tu scendi dalle stelle»